Schweden, immer wieder Schweden

Jetzt sitze ich hier in Wien und schreibe an meiner Masterarbeit. Trotzdem läuft im Hinterkopf schon die Reiseplanung. Es soll wieder nach Schweden gehen! Dabei verbrachte ich dort immerhin schon 6 Monate in den letzten zwei Jahren. Es sind die unzähligen, wunderschönen und einzigartigen Momente, die ich dort oben erleben konnte – Neue Freunde und nicht zuletzt die Einsamkeit. Stundenlange Wanderungen, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen. Nichts, außer Unglückshähern, Raufußhühner oder auch mal einem Rentier.


Aber ich war die letzten Jahre nicht zum Spaß in Schweden – Arbeit wartete jedes Mal auf mich. Ich half meinem guten Freund Filipe bei seinen Verhaltensstudien und Lernexperimenten an Unglückshähern. Dafür lebte ich in einer Feldstation im südlichen Lappland. Angrenzend an die Feldstation ist ein Naturreservat, welches seit über 200 Jahren nicht mehr bewirtschaftet wurde. Meine Arbeitsstätte aber auch Rückzugsort. Über 30 Reviere von Unglückshähern sind uns dort bekannt und durch die jahrelange Arbeit sind sie mittlerweile auch recht zutraulich. Gerade die Jungvögel zeigen sich unvertraut vertraut. Ich könnte Tage mit ihnen verbringen! Unglückshäher leben in Gruppen und bilden kleine „Patchworkfamilien“. Adoptierte Vögel sind keine Seltenheit, das hilft der Fitness und ist überlebenswichtig, denn der Winter ist hart. 3-5m Schnee, klirrende Kälte und ewige Dunkelheit zehren sehr an ihrer Kondition. Umso wichtiger ist es, dass die Vögel einen entsprechenden Wintervorrat anlegen um bis zum Mai, dem Schmelzen des Schnees, genug Nahrung zu haben.

Unter diesem Haufen befindet sich mein Rucksack. 😛

 

Mit einem Auswanderer-Pärchen durfte ich zwei ganz besondere Menschen ins Herz schließen. Unsere gemeinsamen Abende, Ausflüge und Projekte machen einfach Spaß! Gemeinsam bauten wir Nistkästen für Raufuß-, Sperlings- und Habichtskauz. Montierten diese im nahegelegenen Wald. Ich bin sehr gespannt, wann der erste Kasten besetzt ist. 🙂

So langsam entwickelt sich Schweden zu meinem zweiten Zuhause. Im Spätherbst letzten Jahres durfte ich dort oben auch den ersten Schnee erleben. Die Landschaft wurde in Zuckerwatte getaucht und Weihnachtsstimmung kam in mir hoch. Für mehrere Tage war ich in der Feldstation eingeschneit und konnte meine Arbeit nicht fortsetzten. Dafür kamen die Unglückshäher an meine Winterfütterung im Garten.

Außerdem zeigten sich Hakengimpel, Trompetergimpel und Seidenschwänze in den Ebereschen rund um das Haus und ließen sich aus der Küche beobachten. Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, schaute ich aus dem Fenster und das Polarlicht tanzte für mich.

Der Herbstbeginn sah allerdings ganz anders aus. Jeden Tag arbeitete ich zwischen 12 und 14 Stunden, natürlich ohne Wochenende. 25km Wanderungen mit 20kg Gepäck waren an der Tagesordnung. Dabei begegnet mir die unzähligen Auerhühner und 2017 auch ungewöhnlich viele Haselhühner. Ihr Gesang machten meine Wanderungen zu etwas ganz besonderem. Da es dort oben keine Wanderwege mehr gibt, folgte ich dem Wildwechsel von Rentieren und Elchen. Einmal war dieser besonders ausgetreten und breit. Wenige Meter später fand ich zwei Tage alte Bärenlosung. 🙂

Eins meiner Highlights aus Schweden erlebte ich im Herbst 2016. Die Polarlicht-Vorhersage versprach eine außergewöhnliche Nacht. Am See positioniert wartete ich gegen Abend schon auf das Nordlicht. Sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war erschien ein grauer Schleier am Himmel. Je dunkler es wurde, desto intensiver wurden die Farben am Himmel. Es war mein allererstes Polarlicht, das ich ausgiebig fotografierte. Gegen Mitternacht bellte ein Tier von einem nahegelegenen Berg. Erstaunt schaute ich in die Gesichter meiner Kollegen – Es war ein rufender Luchs!

Neben Luchsen und Bären gibt es natürlich auch Elche. Diese sind aber durch die starke Bejagung so scheu, dass man eher ein Auerhuhn überfährt, als einen Elch zu sehen. Im Winter findet man aber überall ihre Spuren und Wildwechsel. Eben diesem folgte ich auf einer Wanderung. Mein Ziel war ein nahegelegener Berg. Ich musste mehrere Moore durchqueren ehe ich im schönsten Urwald endete. Der Fichtenwald ist von langen Flechten geschmückt, leise Fällt der Schnee und immer wieder lässt sich auch die Sonne blicken. Nur die Stille ist für mich in einem Urwald noch immer ungewohnt. Aber wen wundert das schon, fast alle Tiere ziehen im Winter in wärmere Gebiete. Je höher ich komme, desto tiefer ist der Schnee. Er ragt mittlerweile bis zu meinen Knien. Immer wieder checke ich meine Position auf dem GPS-Gerät, denn ohne wäre ich hier verloren. Zwischen den Bäumen blitzt die Landschaft hindurch. Ich erklimme einige schroffe Felsen bis ich endlich am Gipfel bin. Eine unglaubliche Weite erstreckt sich vor mir. Von dort oben kann ich die Moore sehen, durch die ich gewandert bin. Sehe die vielen Seen und einen der letzten Urwälder Schwedens. Pure Euphorie überkommt mich, die nach einiger Zeit aber mit einem Blick auf die Uhr gedämpft wird. Es ist schon Mittag und sehr bald geht die Sonne unter. 🙂

Verschiedene Projekte möchte ich dieses Jahr weiter verfolgen und auch endlich etwas mehr Zeit für mich haben. Ich möchte Wandern und neue Gebiete erforschen. Frei sein und mein Leben genießen – Das kommt in unserer Gesellschaft einfach viel zu kurz.